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Psychogramm einer Wahl

Sep 2021
26

Warm dringt das letzte Herbstlicht durch die ungewaschenen Fenster und strahlt auf den Wahlzettel. Ich hätte auch sehr früh schon gehen können, doch wie immer kommen einem verhangene Fetzen in den Sinn die alles unbestimmt nach hinten schieben. Habe ich wirklich eine Wahl?

Soviel ist mir inzwischen klar, solch eine Wahl ist keine Wahl zwischen zukünftigen Dingen und Menschen die ich tatsächlich direkt beeinflusse, die eine Wahl für mich ist. Ich bekomme nur etwas vorgesetzt aus dem ich auswählen kann. Und selbst das ist unbestimmt! Da kann man zum einen Leute direkt mit einem ausreichenden Mandat ausstatten, die keiner - geschweige denn ich - persönlich kennt. Mea Culpa! Sie sind aber auch auf bestimmte Ränge und Plätze gestellt, so dass auch ihre “Wahl” eher die vorbestimmte Auswahl einer bestimmten Interessengruppe ist. Reden wir mal nicht von den Weiteren, die sich zum Teil als möchtegern Imperative verstehen, und doch auch nichts weiter als Aushängeschilder einer bestimmten und meist etwas verworrenen Interessengruppe sind. Ihr oft einziger Vor- bzw Nachteil ist, dass sie keiner registrierten Partei oder Fraktion angehören und im Weiteren deshalb auch nicht viel zu melden haben werden. Sie sind aber versorgt; nicht schlecht!
Zum anderen gibt es Parteien aus-zu-wählen, die freundlich um meine Stimme als Blankoscheck bitten, nach dem Motto: “Macht damit was ihr wollt”!

Jede Wahl ist also ein eher unbestimmtes Mandat für eine Gruppe, die über die Modalitäten ihrer Zusammensetzung augenscheinlich selbst bestimmt und sich dem direkten und verantworteten Mandat eines Wahlbürgers zu entziehen sucht. Um sicher zu gehen, haben sie das Modell der Ausgleichsmandate erfunden. Herrlich! Damit lässt sich die etwas dümmliche Wählerschaft wunderbar vorführen. Ihr einziger Nachteil ist, dass es letztendlich die Menge der Parlamentarier im Hohen Hause aufbläht und immense zusätzliche Kosten verursacht — und so letztlich doch irgendwie wieder auffällt. Aber ACH, paperlapapp das wird ja aus dem Steuersäckl bezahlt. Müssten die Parteien ihre zusätzlichen Parlamentarier selbst bezahlen, aus einem fest definierten Budget der eigentlichen festgelegten Menge, das heißt, sich selbst beschneiden, wäre es schnell aus damit. Nee nee, 🙂 aber man wird ja nochmal träumen dürfen! Jedenfalls fragt man nicht die Frösche wann und wieviel man den oder vom Teich ablassen kann.

Da sie - unsere Politiker - also so handeln, darf es nicht wundern, dass ganz allgemein der Staat, bzw seine Finanzen als ein unendlicher Topf für Zugriffe von Interessen, für unendlich unverschämte, geradezu kleptographisch räuberische Plünderungen angesehen wird. Warum sollten Firmen, Verträge, ganz allgemein Menschen diesbezüglich mit angezogener Bremse, dem Allgemeinwohl verflichteter Gesinnung handeln, wenn ihnen dies von ihren Parlamentsvertretern nicht vorgelebt wird? Milliarden werden verpulvert; ohne Konsequenzen! Es schüttelt einen, je mehr man darüber nachdenkt, und so nimmt es nicht Wunder, dass viele Wähler gar nicht mehr wählen und alles einfach geschehen lassen.

Ich nicht! Denn ich gehöre zu einer Generation die wenigstens die innere Pflicht fühlt einer Wahl, und sei sie noch so unvollkommen, nachzukommen. Es gibt nichts anderes und die Auswahl an entsprechenden Alternativen ist sehr begrenzt! Was sie ersetzt, zeigt uns Geschichte; Leider!

Man nennt es Demokratie — Herrschaft des Volkes. In unserem Fall, repräsentative Demokratie, da wir ja zu viele und zu blöd sind etwas direkt entscheiden zu können. Außerdem kommt es der Neigung des Menschen entgegen, unbestimmt und verantwortung-s-los zu sein, haben wir doch mit dem Leben selbst schon genug zu tun.

Nun wäre es zu einfach den Schluss zu ziehen, dass sie, die Politiker, unsere spiegelbildlichen Vertreter an allem Schuld und Auslöser dieser Zustände wären. Sie bilden aber nur ab, was wir sind! Oder eben einen Teil dessen, was wir selber sind. Darüber mache ich mir keine Illusionen.

Habe ich also eine Wahl? ... Hmm! ... So und jetzt gehe ich wählen...! Später mehr dazu.

Der Chinese kichert und schüttelt das laotische Haupt – aus dem die Bitcoins purzeln – angesichts dieser Umstände. Der russische Bär lacht sich ins grimmige Fäustchen, während noch schnell ein paar vorgefertigte Wahlzettel im aufgetauten Permasumpf entsorgt werden. Uncle Sam, der Kapitalist nimmt ein erfrischendes Bad in seinem Geldspeicher und singt: “Money makes the world go round”. Captain Kirk sieht endlich seiner Erstumrundung entgegen, und Jeff grinst sich einen. Der Taliban ist auch nur ein Mensch und dreht freudestrahlend ein paar Runden im Autodrom. Alles ist gut!

Quax, der Bruchpilot, Maurice, meint dagegen nur: „Frischer Fisch aus dem Nil und Kaffee, in dem der Löffel stecken bleibt: Das ist es doch, worauf es im Leben ankommt.

Am nächsten Tag herrscht Kater. Schwarzer Kater. Aber alle sind irgendwie erleichtert, dass sie nun wieder unter sich sind. Das Spiel beginnt, die Krämer kramen! Alte Rechnungen und spitze Messer werden gezückt und vorerst wieder weggesteckt. Sie zeigen aber wer der Hase und die Meute ist.

Die Absurdität der ausgeklügelten gegenseitigen Wägung im 2-Stimmen Wahlsystem wird überdeutlich, dass bestimmte Menschen definitiv abgewählt wurden und dennoch wieder einziehen. « Schließlich wollen wir so tun als ob wir dich respektieren, lieber Wähler, aber dann doch nicht wirklich im Ernst, oder?! Das hätte ja schmerzhafte persönliche Konsequenzen. Das kann doch keiner wollen! Da wir es also besser wissen, nehmen wir uns was uns zusteht. »

In einem anderen Fall wird eine Zulassungs-Begrenzung als Partei zwar gerissen und doch sind deren 3 Bewerber, ausgeschrieben “drei ” (!), als Direktmandate dennoch hinein gewählt. Zum Ausgleich für diese Ungerechtigkeit bekommt diese Partei 36 - sechunddreißig - Ausgleichsmandate hinzu. Nun kann man sogar eine Fraktion bilden und hat automatisch mehr Rechte und mehr Geld zur Verfügung. Unsere Lederhosen jedenfalls wissen davon ein Lied zu singen.

Es locken Posten und Kronen und das Vergessen. Dann kann das Spiel erneut beginnen.

Sie verstehen? Ein geniales System, es sichert Existenzen, Pfründe, Machtoptionen, es schafft sich seine eigene Welt, eine Blase, die nun während der folgenden vier Jahre von allerlei Interessen und Gruppen weiter genährt und gepflegt wird. Hinter den Mauern – abgeschirmt von den Fährnissen des Lebens – werden gerade die Entscheidungsträger und ihre Zuarbeiter in einen volatil gesättigten Zustand gebracht, schwebend über den Dingen mit den komplexen Bedürfnissen einer bestimmten Klientel bearbeitet, die Schrecken einer wesentlichen Veränderung an die Wand gemalt, bis es dasteht, das Gespinst eines Buffets, dass sich nicht mehr von selbst erneuert; Beschrieben das Grauen eines zukunftsleeren Tisches, dem knurrenden Magen das Entsetzen des Ausbleibens der steten Befüllung, der dürstenden Seele die Abstinenz edler durchgeistender Tropfen. Schon sieht er es verdampfen, verdunsten, sich in Luft auflösen, einem hageren Gespenste — der WIRKLICHKEIT — weichen ... Nein! DAS kann er nicht zulassen!

Wie sich unser Demo.krat an diesem Punkt seines Werdens entscheidet, ist nicht schwer zu erraten. Er bleibt sich treu und verrät doch seine ursprüngliche Intention eines Volks-Vertreters, so er jemals eine solche hatte. Das Wahl-Volk wird auf einmal unbestimmt und verdunstet ihm vor Augen, es ist ja auch so wankelmütig, da er ja das wahre Volk in Konkretum verdichtet vor Augen hat. Es hat seine wirtschaftlichen Nöte. Es muss also bei Laune gehalten werden. Da es dasjenige Volk ist, das den Staat und damit auch unseren Vertreter ernähret, kann es nicht falsch sein es zu schützen. Man ist unter sich. Unter Seinesgleichen!

Denken Sie nur an die VW-Betriebsräte; sie sind hohe Manager und werden von ihresgleichen anerkannt und gleichermaßen entlohnt. Alleine ihnen eine Vorteilsnahme zu unterstellen grenzt an völligem Unverständnis. Es ist ein Prinzip! Und gilt ebenso in der Politik! Und so entstehen an solchen Orten enge Freundschaften und stabile Verbindungen, gesellschaftlicher Austausch, bis hin zur gegenseitigen Hilfe und Vorteilnahme. Der Übergang in die gekaufte Republik ist fließend! Und so wird sehr schnell, nur aus dem davorgesetzten Stand.punkt und Artikel, aus der Herrschaft des Volkes, aus Demos “Volk” und kratein “herrschen” — “Das Volk beherrschen”.

Wie sonst ließe sich der Pathos und die Überheblichkeit erklären mit der Politiker - wo es doch so gänzlichst gar nicht ihre Art ist - plötzlich zum Wohle aller wirkmächtige Dinge beschließen, von deren Anspruch und Folgen sie meist wenig Ahnung haben und nie wissen, wie sie einst aus diesem angerichteten Schlamassel wieder herauskommen; sei es am Hindukusch, in der schleichenden Aushöhlung der freiheitlichen Grundrechte im Kampf gegen den Terror, oder eben in Pandemiezeiten. Alles aus gutem Grund und doch grundfalsch im Ergebnis. Die Geschichte zeigt es immer wieder.

Meist läuft es doch so, wenn der Demokrat sich endlich in die Höhen eines Ministeramtes gebracht hat: Tue wenig bis gar nichts und niemand kann dir ans Leder. Sollte es dennoch soweit kommen, dass man gezwungen ist zu handeln, haben sich obskure 10-Punkte Pläne bewährt, die so lange medial durchgeritten werden, bis jederman denkt, sie wären tatsächlich dafür da etwas konkret zu bewirken. Sobald sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit einer nächsten Krise zuwendet - und das ist gewiß - ist die Gefahr vorüber und der Plan wird bis zum nächsten Ereignis in die Dunkelheit der Schubladen zurück gelegt. Solche Ereignisse zu handeln gehört heute zum politischen Handwerk. Hat man an ein, zwei Stellschräubchen gedreht, kann alles so weiter laufen wie bisher und weiterer Schaden ist erfolgreich vermieden und abgewendet.

Schlimmer ist, wenn die Krisen anhalten und wirklich etwas getan werden muss. Dann sieht sich unser Vertreter plötzlich gezwungen zu handeln und etwas auf die eigene Kappe zu nehmen. Alles unter der medial scharf-gerichteten Aufmerksamkeits-Bestrahlung der Öffentlichkeit. Dies ist ein sehr unangenehmer Zustand. Denn das Ende ist womöglich offen und unvorhersehbar. Also folgt man einer Erzählung und bleibt ihr treu. Solch ein Narrativ ist wohl das einzige was hilft — und Zeit. Längst hat die — WIRKLICHKEIT — das Narrativ überholt und doch herrscht nackte Angst es anzupassen, sich wieder in das Unbestimmte zu ergeben; die Folgen zu tragen. Der Demo.krat ist schließlich auch nur ein Mensch!

Nun tut man natürlich all denjenigen Unrecht die sich ihre Gesinnung bewahrt haben und aufrecht gegen die Mühlen ankämpfen. Sie sind aber im Strom der Wahrnehmung eher die Ausnahme als die Regel. Einsame Don Quichotes, meist eher von den eigenen Leuten vom Hofe gejagt, als vom Wähler mißbilligt.

Wer setzt sich nun durch? Zum Einen die Jäger, die Narzisten, die genügend Skrupellosigkeit mitbringen ein paar Opfer auf ihrem Wege zu hinterlassen. Sie sind Kämpfer, und Psychopaten und ihr Platz, die Arena. Doch werden sie auch ebenso schnell aus dem Wege gerollt wenn ein neuer Platzhirsch die Herde beansprucht; ihr eigener Zenit an Machthunger überschritten ist. Dann gibt es die ruhend Sit.ZEN.den. Sie überstehen oft lange und schadlos die Wirren der Tagesgeschäfte, aus denen sie sich heraushalten, die Nächte der langen Messer, denn sie nutzen eine besondere Form der Machtausübung, die seit dem amerikanischen Politologen Joseph S. Nye gemeinhin als Soft Power gegenüber der Hard Power bezeichnet wird. Verkürzt in etwa: Eine kulturelle Attraktivität des ideologischen Narrativs. Sie geht nicht gegen an, sondern nutzt das Vertrauen als Basis. Sie hören so lange zu bis sich ein Weg abzeichnet, der in der erschöpfenden Entkräftung der Kontrahenten einen Lösungsweg ergibt. Ihre Hard Power ist diejenige, die ihre Kontrahenten bei ihnen für möglich halten, nicht aber deren konkrete Anwendung. Ihr wahrer Schatz liegt in der Attraktivität ihrer “Vision”. Dies kann gänzlichst ohne eine solche auskommen. Aber es ist die Nutzung der positiven Kraft, also eine Entgegennahme, ganz ein wenig so wie es die östlichen Kampfkünste vermitteln. Jeder kriegerische Akt ist ein Akt der Gewalt, der Zerstörung. Darauf kann nichts bauen! Hinwendung und Verwandlung sind die Kennzeichen eines großen Staatskünstlers. Auch ein solcher hinterläßt so manchen Psychopaten ausgelaugt und entnervt am Wegesrand, doch nicht aus Zerstörung, sondern aus Entkräftung!

Ach du grüne Neune! Jetzt habe ich mich doch tagelang etwas hinreißen lassen und sehe schon einen schier unendlichen Weg des weiteren Beschreibens vor mir. Aber Sie sehen worauf ich hinauswollte. 😅 Ich anerkenne die Kunst so lange regiert zur haben, ohne dass einen am Ende ein Brutus das Licht auslöscht! Respekt!

 

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

 

DAS LIED VON DER MOLDAU, Bertolt Brecht

So long..!

» Hab’ ich es denn Euer Gnaden nicht gesagt, es seien Windmühlen, und das könne nur der verkennen, der selber welche im Kopf habe? «  M. de Cervantes, Sancho Panza an seinen Don

Three Billboards for K. - Blatt für Blatt

Mär 2021
20

J. nahm das Lesezeichen aus dem Buch, rückte das Füllhorn gerade, öffnete das Fenster ... und sprang.

Noch im Flug überlegte sie was sie wohl vergessen hätte, doch nicht einmal diesen Gedanken konnte sie beenden. Ihre Blätter lagen noch immer frisch geweißt auf dem Tisch. Wie die gesamte Woche schon. Ihre Gedanken flogen, aber setzten sich nicht. Nur Nachts, wenn sie wachlag und die Stunden und Wochen und Jahre ihres Lebens an ihr vorüberzogen, nahmen sie Bezug und oft hatte sie im Halbtraume darüber nachgesonnen, dass es doch schön wäre, wenn ihr jetzt ein Nachtelf geschwind die Feder führen und alles Gedachte und Erträumte zu Papier brächte. Dann könnte sie am Morgen nachlesen was in ihrem Leben an Scheidewegen und Wendungen zu all den Fährnissen geführt hatte, denen sie ansonsten am Tage nur recht wolkig gewahr wurde.

Draußen roch es nach Frühling. Ein wenig nur. Doch in all dem bleienden Grau, gab es diese feine Note die den nahen Frühling ankündigte. Narziß und Goldmund, Primel und Vergißmeinnicht. Hier ein Schneeglöcken, da ein Feld voller Krokusse, mit ihren goldenen Stempeln.

 

✂—✂—✂ WER ✂—✂—✂

 

H. schüttelte sein welkes Haupt.

Überall gingen, standen oder saßen sie. Verträumte Einzeller oder Pärchen. Als jene, die grauenvoll gelangweilt von der umgebenden Welt, auf die spiegelnde Fläche starrten, die ihnen den Weg zu sagen schien, und doch hätte ein selbstbewußt erhobener Blick gereicht, sie selbstbestimmt und weit genug in die Ferne zu tragen. Andere hielten mit solcher Inbrunst ihren Kaffeebecher als müssten sie sie spazierenführen, mit ihnen Gassi laufen; Stolz beseelt zur Gruppe der städternden Jung-Yuppies zu gehören. Die Sitzenden saßen nebeneinander, wortlos schweigend. Beide vertieft in ihre Welt; nichts ausdrückend oder teilend als trauriger Langeweile.

Dann und wann sah H. ein ältliches Ehepaar, mit geweiteten Augen, ähnlich grauenvoll ihrer Umgebung gewahr geworden.

So traf sich ihr Blick...

 

✂—✂—✂ WIR ✂—✂—✂

 

Die Schlange starrte. Unabwendbar gefangen in ihrem Bann. Blasen blähten kleine Universen. Jedes in sich gerichtet von Saurons flammender Aufmerksamkeit. Cancel Culture und Political Correctness, durchschäumt von wütend gerichteten Hinrichtungen, sollte etwas von seinem Weg abkommen. Sie alle stritten ab sich daran zu beteiligen. Und doch war nur davon zu lesen! Je mehr wir uns auf das Detail konzentrierten, desto größer war der Effekt. Je mehr wir zu wissen glaubten, desto flacher wurde ihr Gewinn. Die vermeintliche Tiefe verlor sich im horizontalen Nirgend. Die nicht besetzte Vertikale aber produzierte den Hass. Und dieser gab den Blähungen ihr Profil, die emotionale Emulsion. Den Trieb immer weiter hinein zu steuern, gefangen von sich selbst. Selbstüberschätzung, Hybris, Ignoranz, verkocht zu einem gärigen Brei. Gesteuert? Wohl kaum. Benutzt? Durchaus!

R. sah es kommen ... und S. sah es gehen. Keiner fand die Zeit aufzublicken!

 

✂—✂—✂ WAREN ✂—✂—✂

 

W. war von uns gegangen...

 

„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“ (Roger Willemsen)

DJ Warpspeed, oder wie sich Klein Knirpschen die Welt zurechtmachte..

Nov 2020
15

Part I

Ich lebe in einer Welt des kompletten Irrsinns. Es sind nicht einmal die Irrsinnigen selbst die mir dabei die größten Sorgen machen, es sind ihre komplett ausgehängten Fans und Supporter. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der ein Wort etwas bedeutete. Ja doch! - gelogen und übertrieben haben die Menschen schon immer. Das ist ihre Natur. Und diese Fähigkeit ist ja auch durchaus nütze. Doch auf eines war im Grunde genommen immer Verlass. Wurde ein Aufschneider anhand seiner Lügen überführt, oder trieb es gar zu krass, so konnte man sich sicher sein, dass es mit ihm vorbei war; Ausnahmen bestätigten die Regel. Dies war ein sehr verlässliches Übereinkommen und hat die Welt und ihre Menschen wenigstens tendenziell berechenbar gemacht.

Mit Überlichtgeschwindigkeit, also warpspeed, und durch gezieltes Krümmen der Raumzeit ermöglicht, sind diese Verläßlichkeiten aber ad ab­sur­dum geführt worden. Die Irrsinnigen haben erkannt, dass Berechenbarkeit und Integrität etwas sind was nicht zu ihrem Vorteil ist. In ihren Augen kann man verkrustete Strukturen nur aufbrechen in dem man sich völlig Unberechenbar gibt, dass Wahrheit ein krümmbarer Raum ist. Damit nimmt man der anderen Seite die Sicherheiten. Wie immer liegt in solchen Erkenntnissen auch ein kleiner Funken Wahrheit. Doch in den Händen von Wahnsinnigen ist es ein Todesurteil für die Erfahrungen und Gewissheiten des menschlichen Umgangs. Ja, Menschen sind furchtbar und ich habe mit zunehmenden Alter die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass das befreite Tier im Menschen nicht besiegt ist, oder gar besiegt werden kann. Sie töten, sie vergewaltigen, sie zerstören alles was ihnen im Wege ist. Sie finden dafür Gründe. Immer!

Und doch wachsen Kinder mit diesem Grundvertrauen heran, dass die Welt GUT und WAHR und SCHÖN ist; auch ihre Menschen. Zum Erwachsenwerden gehört dazu, dass dieses Urvertrauen dahinschmilzt und einer realistischer werdenden Betrachtung weicht. Und doch ist es in jedem von uns hinterlegt und trägt uns durch das Leben. Jede neue Begegnung beginnt auf dieser Grundlage. Hier ist es wo wir uns begegnen. Je mehr dieses Vertrauen gestört wird, desto unmöglicher werden echte Begegnungen. Was bleibt in einer solchen Welt? Wahn! Machetendeals! Prahlerei! Erniedrigung! Und die entsprechenden Gegenreaktionen! Verabredungen gelten nicht mehr, oder nur solange wie es zum eigenen Vorteil gereicht. Errungenschaften der Menschheit im gegenseitigen Umgang? Unsinniger Tand für naive Seelen.

Wo sind der Humanismus und all die endlosen Jahrhunderte die den Menschen formten, das innere und äußere Tier besänftigten? Wo sind all die Mütter geblieben, die ihren Kindern Respekt vor der Tugend und Respekt vor der Wahrheit beibrachten? Warum schreien sie nicht auf?

Intermezzo

Sich das innere Gold in Zeiten des Pessismismus, der Düsternis zu erhalten, ist also ein Gebot der Stunde. So wie es immer wieder geschah. Mitten im ersten Weltkrieg schrieb Leonhard Frank: Der Mensch ist gut. Eine Sammlung von Erzählungen, die den Menschen Mut machen sollten ihrer besseren Natur zu folgen; eigene Schlüsse zu ziehen und sich dem Friedenszug anzuschließen. Diese Novellen wurden kurzerhand als Wehrzersetzend verboten, aber dennoch heimlich umhergereicht.

Um es mit Erich Kästner auszudrücken

Der Mensch ist gut! Wenn er noch besser wäre,
wär er zu gut für die bescheidne Welt.
Auch die Moral hat ihr Gesetz der Schwere:
Der schlechte Kerl kommt hoch - der Gute fällt.

Apropos Mütter: Sie sind oft Teil des Problems. Wie wir schon an der langen Geschichte der Mafia beobachten konnten, sind sie es, die manchmal sogar zum eigentlichen Träger des Status quo werden oder ihn gar befeuern. Und doch läge unendlich viel Hoffnung darin, wenn es den Müttern dieser Welt gelänge, ihren verzogenen Knirpsen kräftig einen hinter die Löffel zu geben, sollten sie sich derart versteigen und ihrer niedersten Natur bequemen. Haben doch schon die alte Griechen wunderbar anschaulich demonstriert, dass all das laute Kriegsgetümmel mit ein wenig gemein.samen Willens seitens der Gemahlinnen und Geliebten prinzipiell gestoppt werden kann. Lysistrata. Make Love, or/not war! Erinnert Euch!

Part II

Kommt Zeit, kommt Rat. Kommt also Erkenntnis?!
Ja so ist das normalerweise. Wir machen Fehler solange wir wandeln und handeln. Gut so! Wir lernen daraus. So soll es sein! Die Bedingung für diese Abfolge ist, dass wir uns Selbst nie so Ernst nehmen, dass der Zweifel keinen Platz mehr darin findet. Dieser Zweifel ist dasjenige Element das uns überhaupt erst den nötigen Abstand zu uns selbst bringt, um von einer erhöhten Warte die Dinge und unsere Rolle darin neu zu betrachten. Er darf nur nicht pathologisch werden, sonst wirkt er nicht hin zur Erkenntnis, sondern verdüstert die Hoffnung, die bekanntlich am Boden der Büchse der Pandorra sich zu liegen fand. Es ist auch nie ganz geklärt worden ob sie ebenfalls mit ausbüchste ... Nietzsche jedenfalls hat das für sich beantwortet und meint:

„Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.“

Es gibt aber noch einen weiteren Faktor: die Angst. Sie ist ein arger Herumtreiber und bringt einzelne Menschen oder Gruppen und manchmal ganze Volksseelen dazu sich von ihr regieren zu lassen. Dann versteigen sich solche Menschen ganz leicht dazu, sich von geheimnisvollen Kräften umgeben zu sehen, die ihnen ans Leder wollen. Solche Hysterien haben immer wieder Platz gegriffen, in der Antike, dem Mittelalter, oder der Neuzeit. Der ganze sogenannte Kalte Krieg fußte auf. Natürlich auch gab es immer Leute denen ein solcher Zustand herrlich in den Kram passte und in den man sich bequem einrichten konnte und die ihn deshalb - ob einzeln oder in Gruppen - im Geheimen oder in aller Offenheit - bewußt forcierten. Die kurzen Phasen der Erholung nach solchen längeren Phasen der getriebenen Angst sind dann dem Wiederaufbau gewidmet. Eine kurze Zeit der Konzentration auf wirtschaftlichen Aufschwung, verbunden mit der Hoffnung auf Verbesserung für die Massen. Ein Wunsch, mehr nicht!

Kommen wir zurück zu unserem Virus und der aktuellen gesellschafts-politischen Lage. Für Psychologen sicher eine Goldgrube an Verwirrungsformen der menschlichen Psyche. Die Rationalität - also die vernunftgeleitete, erweiterte Sicht der Zusammenhänge - gerät völlig aus den Fugen. Sie spielt bei Manchem fast gar keine Rolle mehr. Deshalb sind auch Argumente völlig fehl am Platz. Sie bewirken das genaue Gegenteil. Was aber ist es nun was Menschen zu Berserkern des völligen Unsinns werden läßt. Es ist Angst! Sie sind nach innen gekehrt und verbunkern sich. An irgendeiner Stelle ihres Lebens haben sie aufgehört mit dem “Anderen”, dem Fremden zu kommunizieren, sich verschiedene Perpektiven zu eigen zu machen. Deshalb ist es ihnen auch herzlich egal ob sie eine Person wählen die dem Allgemeinwohl nicht dienen will. Hauptsache sie bestärkt einen in der Selbstverbunkerung, weil ja überall Kräfte am Werke sind, die ... aber das hatten wir ja schon.

Die Süddeutsche Zeitung bringt eine interessante Betrachtung aus der Zeit der Nürnberger Prozesse zur Geltung. Die Angeklagten, wie Hermann Göring, wurden vor dem Prozeß von einem Psychiater der US-Army begleitet, der sie beobachtete und prozessfähig halten sollte und der, als Laboratorium der Psyche des Bösen - und mit einem gewissen Hang zu selbigen - verschiedene Interviews führte. Waren sie etwa nur infizierte Verrückte?

Kelleys Interviews zeitigen eine andere Einsicht. Es ist die Einsicht, dass es sich um zum Teil sehr intelligente Menschen handelt, die einige Merkmale teilen: zügellosen Ehrgeiz, schwach ausgebildete Moralvorstellungen und exzessiven Patriotismus, mit dem fast jede fragwürdige Tat gerechtfertigt wurde. [...]
“Solche Menschen gibt es überall auf der Welt. Sie haben keine geheimnisvollen Persönlichkeitsmuster. Aber sie haben starke Triebe, und sie wollen an die Macht.” [...]
“Es gibt selbst hier in den USA Leute, die über die Leichen der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung gehen würden, um die andere Hälfte unter ihre Kontrolle zu bringen. Bisher reden diese Personen nur, aber sie setzen schon heute ihre demokratischen Rechte antidemokratisch ein.”
 

https://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-nuernberger-kriegsverbrecherprozesse-1.5123532

Lässt sich dazu noch was sagen?

Halten wir also fest. Wir haben den nagenden Zweifel, die bodenlose Angst und den dunklen Trieb. Etwas verloren zwischen ihnen herumirrend die stammelnde Hoffnung.

En Fin

Es sind also alles Gifte. In ihrer verdünnten Form allerdings auch immer Treiber der Entwicklung. Im Grunde, Drogen! Sie sind, wie wir Menschen eben auch, ambivalent. Es existieren also verschiedene Schichten und Wirkungsformen gleichzeitig und gleich gültig, neben- und ineinander. In ihren Urformen sind es Liebe und Destruktion und sie ordnen sich in den verschiedenen Ich-Funktionen unserer Wahrnehmungen, Handlungen und Entwicklungen. Lassen wir mal die Frage, ob das entwickelnde ICH das Leben überdauert und sogar inaugoriert beiseite, so stellen wir fest, dass wir es beim ICH mit gewissen Grundtypen zu tun haben; den kognitiven Funktionen, den vermittelnden Funktionen, den sensitiven und Schutz Funktionen. Sie lassen sich natürlich noch viel weiter in Einzelteile konstruktivieren. Wie bei allen solchen Zerlegungen muss natürlich darauf geachtet werden sie nur als tabellarisches Hilfsmittel eines komplexeren Ganzen, des Lebens an sich, zu betrachten. Im Zuge dieser kleinen, sich entwickelnden Betrachtung können wir uns vielleicht auf die sogenannte Adaptive Regression, also die gespinstartige Adaption der Träume, von frei inspirierten oder imaginierten Zusammenhängen und das Defensive Funktionieren als ICH-Anteile beschränken. Beides scheint sehr ausgeprägt bei solchen Menschen von den ich hier zu sprechen suche. Es fehlt nur ein wichtiger Teil. Die Adaptive Regression ist an sich ja eine wunderbare Fähigkeit des Menschen. Sie ermöglicht uns zu phantasieren, Dinge neu zu Denken, Unmögliches zu wagen. Sie muss nur versuchen sich wieder in einen normalen Realitätsbezug zu bringen, zu hinterfragen. Das ist schwierig, aber geschieht normalerweise unaufhörlich. Sie läßt uns sich entwickeln, anpassen, fort.schreiten. Dieser Teil scheint wie ausgehakt!
Beziehung Suchen ist also eine enorm wichtige Fähigkeit. Aber sie muß sich der Schwierigkeit stellen fortwährend einen Realitätsbezug herzustellen. Ohne diesen Teil ist es wie ein Horror-Trip im Rausch. Man entgleitet der Wirklichkeit und radikalisiert sich im OFF. Man überschreitet die Grenze!

Lebe ich also in einer Zeit, in der sich - wie beim Klimawandel, um nur ein Beispiel zu nennen - tatsächlich eine diesbezügliche Expansion ereignet? Ich fürchte es! Gibt es also Hoffnung?

Kann man so enden? Nein!
Wäre es ein expansives Universum ohne Rückkehr, ohne Hoffnung, wäre es Zeit auszusteigen; dem Warpspeed einen Kick zu versetzen, der es aus dem exzessiven Wurmloch befördert. Ich habe die Hoffnung das es die Bildung ist, die einen hoffen lassen kann. Zukünftige Generation werden also auch ihre Fehler machen und sie werden ebenso anfällig sein. Aber sie werden hoffentlich starke Bildungskräfte haben zu widerstehen! Also, fordern und fördern wir Bildung! Gegen das Übel!

War es das nun endlich? [...] Scheinbar doch noch nicht!
Immer dann wenn man denkt, man könne nun endlich Hoffnung schöpfen, die aufgeschreckte Haltung wieder etwas zurück lehnen, kommt einer daher, der einem die Ohren wieder langzieht. Watschn Watsch!
😂 So soll er denn - unbekannterweise - das letzte Wort haben. Grüße an Tyll!

Aber ich will Ihnen trotzdem was Hoffnungsvolles zum Schluss noch sagen: Ich glaube, die Hoffnung ist eine, die wir, ähnlich wie die Angst, nicht abschalten können als Idee. Die Hoffnung ist aber wahrscheinlich eine notwendige pubertäre Glaubensvorstellung unaufgeklärten Größenwahns. Behält man diese pubertäre Glaubensvorstellung wider alle Erfahrung bis ins hohe Alter aufrecht, hat man ein ernstes Problem.

Arnold Retzer, Psychologe
https://www.deutschlandfunkkultur.de/lebensqualitaet-die-hoffnung-muss-sterben.1008.de.html?dram:article_id=328481